Die dubiose Rolle des vom hessischen Verfassungsschutz geführten V-Manns Siegfried Nonne („Siggi“), der wegen psychischer Erkrankung erst abgeschaltet und dann zum Kronzeugen im Mordfall Herrhausen wurde

 Von den aktiven Startbahngegnern des Frankfurter Flughafens kannte Siegfried N. niemand. Von 1982 bis 1986 soll er für das hessische Landesamt für Verfassungsschutz Informationen über die Anti-Startbahnbewegung beschafft haben. Bestätigt wurde das von Leiter des hessischen Verfassungsschutzes, Heinz Fromm. Vier Jahre sei er Information des Amtes gewesen und habe Informationen über die autonome Szene, die Anti-Startbahnbewegung und die RAF-Unterstützergruppen geliefert. Er sei dann 1986 „wegen massiver persönlicher Probleme und Depressionen „ abgeschaltet worden.

Ende 1990 taucht der V-Mann „Siggi“ wieder auf und erklärte in Vernehmungen durch das Landesamt für Verfassungsschutz und auch vor der Bundesanwaltschaft, dass er die mutmaßlichen RAF-Mitglieder Christian Seidler und Andrea Klumpp und die Phantome „“Peter“ und „Stephan“ vor dem Attentat auf Herrhausen in seiner Wohnung in Bad Homburg beherbergt hat und ihnen bei der Vorbereitung des Anschlage geholfen habe. Ein Indiz, das die Aussage stützen sollte, war der Fund von Sprengstoffspuren im Keller von Siegfried Nonne.

Die bis dahin im Dunkeln tappende SoKo-Herrhausen hatte dadurch endlich ein Erfolgserlebnis. Als Kronzeuge im Mordfall Herrhausen wurde Siegfried Nonne unter Zeugenschutz gestellt. Ein später von der Bundesanwaltschaft in Auftrag gegebenes psychiatrisches Gutachten betätigte die Glaubwürdigkeit des Zeugen.

Die Mär vom vertrauenswürdigen Kronzeugen Nonne hielt sich bis zu einer ARD-Brennpunkt-Sendung 1992. Darin widerrief er seine bisherigen Aussagen. Er habe seine Wohnung den angeblichen Terroristen Seidler und Klumpp nicht zur Verfügung gestellt und er sei an den Vorbereitungen des Attentats auch nicht beteiligt gewesen. Die ganze Geschichte sei eine „reine Erfindung“ von zwei Mitarbeitern des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Diese haben ihn zu einem konspirativen Treffen im Frankfurter Umland beordert und ihn zur Übernahme dieser „Schlüsselposition“ als Kronzeuge, basierend auf dieser frei erfunden Story, gedrängt. Als er das Angebot, das auch mit der Zahlung einer hohen Summe Geldes verbunden war, ablehnte, wurde er, so seine Interviewaussage, von den Verfassungsschützern massiv unter Druck gesetzt, auch mit der Drohung ihn in die geschlossene Psychiatrie einweisen zu lassen, dass er schließlich einwilligte, die Rolle zu spielen.

Diese Aussagen von Nonne in der Fernsehsendung wurden vom hessischen Verfassungsschutz zurückgewiesen.

Das Fernseh-Team der Brennpunkt-Sendung hat jedoch recherchiert, dass sich ein von Nonne genannter Verfassungsschützer zu dem fraglichen Zeitpunkt tatsächlich in dem Hotel im Taunus aufgehalten hatte, das von Nonne als Treffpunkt genannt worden war. Auch die Sprengstoffspuren in seinem Keller erwiesen sich als unbrauchbar, weil sie kein TNT enthielten. Beim Anschlag auf Herrhausen im November 1989 wurde aber TNT benutzt.

Eine weitere Rolle spielte eine Aussage des V-Manns und Kronzeugen Siegfried Nonne bei der illegalen Telefonüberwachung des Anwaltsbüros von Rechtsanwalt Rainer Koch. Die Frankfurter Anwaltskanzlei, deren Telefonüberwachung laut Verfassungsschutz von der G-10-Kommission „genehmigt“ worden sein soll, habe – so die Bundesanwaltschaft mit Berufung auf den Kronzeugen – als „Kontaktstelle für die Kommandoebene der RAF“ fungiert.

Der Obmann der Grünen in der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK) und der G10-Kommission Rupert von Plottnitz bezeichnet die Meldung, dass der Geheimdienstausschuss den „Lauschangriff“ genehmigt haben soll, als Ente. Die Berichte, nach denen die zuständigen Kontrollgremien „einschlägige Abklärungsaktivitäten des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz und wie auch immer geartete Abhörmaßnahmen“ gebilligt hätten, entbehrten jeder Grundlage, so die Erklärung von Rupert von Plottnitz.

Rechtsanwalt Koch erklärte, dass der vermeintliche Kronzeuge seine Kanzlei Ende 1991 insgesamt dreimal aufgesucht habe. Er wollte anwaltlichen Beistand bei angeblichen Vernehmungen durch die Bundesanwaltschaft. Er sei aber jedes mal wegen seines „total schleimigen Eindrucks“ mit dem Hinweis auf die Rechtmäßigkeit der Aussageersuchen der Bundesanwaltschaft aus der Kanzlei komplimentiert worden.

Die Bundestagsabgeordnete der Grünen Ingrid Köppe (Bündnis 90/Grüne) hatte angesichts dieses skandalösen Handelns des Verfassungsschutzes in dem „Komplex Herrhausen“ die „umgehende Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Bonn“ gefordert.

taz vom 24. 1. 1992, 25. 02. 1992 und 03. 07. 1992

Der Mord an dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Alfred Herrhausen wurde bis heute nicht aufgeklärt.

Dazu siehe auch:

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31612/1.html Udo Schulz ,30.11.2009 „Herrhausen-Attentat, Zwanzig Jahre danach werden manche Fragen und Spuren immer unbequemer“.

FAZ vom 30.11.2009

Alfred Herrhausen – Der ungesühnte Mord

 

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